Dienstag, 26. Juni 2012

Die grosse Versuchung

Wolfgang Fassbender
Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Womöglich ärgere ich mich morgen noch mehr als heute über eine Entscheidung, die ich vor ein paar Tagen in Frankreich getroffen habe. Ich befand mich nämlich in Lyon, des Urlaubs halber, und hatte weder für den Abend noch für den kommenden Mittag einen Tisch reserviert. Keine Testaufträge weit und breit, keine Weingüter auf dem Weg, die ich hätte inspizieren sollen, kein Termindruck. Pure Freizeit. Ich hatte sogar ein Auto dabei und hätte deshalb mühelos hinaus nach Collonges-au-Mont-d’Or fahren können, in jenes überflüssige Kaff, in dem der berühmteste Koch der Welt residiert. Ja, sogar ein Tisch wäre kurzfristig zu haben gewesen, wie die Überprüfung bei La Fourchette ergab, einem Onlineportal, das die sofortige Abfrage und Reservierung erlaubt – nicht nur bei grossstädtischen Trendbeizen, sondern auch bei Monsieur Paul Bocuse selbst.

Ich war hin und her gerissen und begann, die Argumente für und wider einen Besuch zu sammeln. Einerseits wollte ich ja immer schon bei dem soignierten Herrn vorbeigehen, der mal eine Trüffelsuppe nach dem französischen Staatspräsidenten benannt hat, in den Orden der Ehrenlegion aufgenommen wurde und spätestens seit seinem Engagement für eine Cuisine du marché als Legende der Kochkunst gilt. So weit die Pro-Seite. Gegen eine Visite sprach, dass ich allerlei Schlechtes gehört hatte über die exzessive Selbstdarstellung des Patrons, der die Aussenwände seines Lokals mit Porträts seiner selbst hat vollmalen lassen. Reichlich skurril das Ganze, also eher: nein. Dafür sprach wiederum, dass Monsieur Bocuse eine Sehenswürdigkeit ist, dass man ein Essen bei ihm also wie einen Museums- oder Zoo-Besuch auffassen muss. Mit dem Zusatznutzen, ein Menü aus einer Küche gereicht zu bekommen, deren Güte dem Guide Michelin seit Ewigkeiten drei Sterne wert ist. Andererseits: Ist die Note eigentlich noch gerechtfertigt? Hat Bocuse – der seit Jahrzehnten nicht mehr selbst am Pass steht – noch den Ehrgeiz, in der Spitze mitzukochen, oder hätschelt der Michelin bloss aus Gnade einen 86-Jährigen und gewährt die Note ehrenhalber? Als Gratis-Seniorenzulage? Sicherheitshalber hörte ich mich bei anderen Menschen um. «Unbedingt hingehen», empfahl Kollege C., der schon mal da war und das nostalgische Flair geschätzt, aber die immensen Kosten der Trüffelsuppe gescheut hatte. «Lieber nicht», meinte Weinexpertin K., die zwar selbst nie hingegangen ist, aber schlauerweise dazu riet, es nur dann zu wagen, wenn ich hundertprozentig überzeugt sei. Eine befragte Französin gratulierte mir, als ich von der angedachten Reservierung berichtete, warnte mich aber ausdrücklich vor der Fülle der Speisen. Weder am Morgen noch am Mittag solle ich das Geringste zu mir nehmen, um abends ja die gewaltigen Bocuse-Portionen verdrücken zu können. Und dass ich mich nur ja zusammen mit dem Meister fotografieren und mir zum Schluss auch noch die Speisekarte signieren lassen solle!

Apropos Speisekarte. Die ist im Internet zugänglich und wird sich, wenn ich mal raten darf, seit 30 Jahren nicht verändert haben. Da steht alles, was den Ruhm des Monsieur Paul ausmacht und was in den Sechzigern und Siebzigern des letzten Jahrhunderts als kulinarischer Schrei galt. Marinierter Lachs und Schnecken in Kräuterbutter. Wolfsbarsch in der Teigkruste mit Tomatensauce oder Seezunge mit Nudeln. Baba au Rum und Obsttorte. Aufregend geht anders. Kulinarische Höhenflüge finden heute eher in Kopenhagen und San Sebastián statt. Doch vielleicht verspricht genau dieser Anachronismus ja Spannung: klassische Küche, zubereitet auf die klassischste aller Arten im allerklassischsten Restaurant der Welt! Für einen Gastro-Freak wie mich, der auch noch über sein Hobby schreibt, ein Muss. Eigentlich. Also ein Argument für die Pro-Seite. In die Nein-Abteilung schrieb ich dann noch die bei mir allgemein festzustellende mangelnde Lust auf grosse Küche (in den drei Wochen vor meinem Urlaub hatte ich unzählige Restaurants getestet, weshalb ich in den Zustand des Überfressen-Seins geraten war und drei Kilo zugenommen hatte) sowie die Preise. 145 Euro kostet das allerkleinste Menü bei Bocuse. War es mir das wert? Für zwei Personen, ein bisschen Apéro und Wein und Kaffee inkludiert, wären wohl doch an die 500 Euro von der Kreditkarte abzubuchen. Mal davon abgesehen, dass meine Begleitung eher wenig Lust auf schwere Küche verspürte und ich wiederum nicht allein gehen mochte. Doch was sind schon 500 Euro? Bei Gagnaire und Ducasse und in anderen Drei-Sterne-Tempeln muss man eher mehr Geld einkalkulieren. Und wenn Bocuse nächstes Jahr das Zeitliche segnen würde? Wenn seine Nachfolger das Lokal dann schliessen würden, wenn eine Legende nicht mehr zur Verfügung stünde? Aber Moment mal: Auf den aktuellen Fotos schaut der Koch des Jahrhunderts so aus, als würde er locker 90 werden. Blieben also noch vier Jahre Zeit. Mindestens.

Am Schluss, nach etlichen Stunden des Abwägens, waren Pro-Liste und Contra-Aufstellung genau gleich lang. Noch immer unentschlossen, rief ich ein weiteres Mal die Website auf und schaute nach, ob der Tisch überhaupt noch zur Verfügung stand. Was ich dann sah, erleichterte und enttäuschte mich gleichzeitig. Er war weg. Keine Anzeige mehr. Alles ausgebucht. Ich klappte den Computer zu und rief in meinem Lyonnaiser Lieblings-Bouchon an. Steak & Frites maison plus Beaujolais statt Grande Cuisine. 85 Euro (eine extra lange gelagerte Chartreuse zum Digestif inbegriffen) statt 500. Ich habe etwas Zeit gewonnen. Eine Atempause. Bei meinem nächsten Besuch in Lyon geht die ganze Prozedur garantiert wieder von vorne los.

Wolfgang Fassbender, freier Journalist, Wein- und Restaurantkritiker, ergo ausgesprochener Gourmet, schreibt unseren «Einwurf» dieser Woche. Mehr von ihm liest man in seinem eigenen Blog: www.entkorktundabgeschmeckt.de

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