Laut einem heute in der Welt Online publizierten Artikel will der
Physiologe Professor Mark Post von der Universität Maastricht im kommenden
Oktober einen Burger aus Rinderhackfleisch präsentieren, das er in Zellkulturen
heranwachsen liess. Das Laborfleisch züchtet er aus Stammzellen, die darauf
programmiert sind, Muskelgewebe zu bilden. In den Niederlanden forschen seit
Jahren verschiedene Universitäten nach Wegen, aus Stammzellen Fleisch für die
Nahrungsmittelproduktion herzustellen.
2009 publizierten wir zu diesem Thema ein Interview mit
Professor Bernard Roelen von der Universität Utrecht.
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Professor
Bernard Roelen
(44) ist Zellbiologe und spezialisiert in Embryologie. Seit 2003 forscht er an
der Universität von Utrecht auf dem Gebiet der pluripotenten Stammzellen. In
Zusammenarbeit mit den Universitäten von Amsterdam und Eindhoven (NL)
untersuchte seine Forschungsgruppe während vier Jahren die Frage, ob Fleisch
für den Nahrungsmittelmarkt, mittels Stammzellen-Technologie, im Glas (in
Vitro) gezüchtet werden könne
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Der Fleischzellenzüchter
Schweinefleisch gezüchtet in Zellkulturen, das ist keine
Science-Fiction, sondern ein reales, eben erst abgeschlossenes holländisches
Forschungsprojekt. Salz&Pfeffer hat den Zellbiologen Professor Bernard
Roelen an der Universität von Utrecht getroffen und mit ihm über die Zukunft
gesprochen.
Text&Fotos:
Tobias Hüberli, Utrecht, September 2009
Salz&Pfeffer: Bernard Roelen, Sie
und Ihr Team haben vier Jahre lang nach Möglichkeiten geforscht, mittels
Stammzellen-Technologie Fleisch im Labor zu züchten. Wie lautet Ihre Bilanz?
Bernard Roelen: Das
Projekt war ein Erfolg. Wenn Sie aber Leute ausserhalb der Universität fragen,
werden Sie vielleicht hören, dass das Projekt nicht so erfolgreich war.
S&P: Weshalb?
Roelen: Das Ziel des
Projektes war herauszufinden, ob es möglich ist, mit Zellkulturen im Labor
Fleisch für den Lebensmittelmarkt zu züchten. Viele glaubten, wir wären
innerhalb von wenigen Jahren imstande, ein Produkt herzustellen, das man im
Supermarkt kaufen kann. Das war natürlich von Beginn an unrealistisch.
S&P: Sie reden von einem
unrealistischen Zeitrahmen, nicht aber von einem unrealistischen Ziel?
Roelen: Es wird
irgendwann möglich sein, Fleisch künstlich herzustellen, aber nicht heute und
nicht morgen. Ob solches Fleisch dann verkauft wird, ist eine andere Frage.
S&P: Konkret?
Roelen: Es hängt davon
ab, ob der Konsument ein solches Produkt akzeptiert. Ich glaube, dass es in
Zukunft einen Markt dafür geben wird. Wenn die Menschheit und der Fleischkonsum
weiterhin so rasant wachsen, wird die Nachfrage das Fleischangebot bald
übersteigen. Unser Planet ist einfach nicht gross genug, um solche Mengen
Fleisch zu produzieren. Der Preis für konventionelles Fleisch wird steigen und
In-Vitro-Fleisch eine akzeptable Alternative.
S&P: Was genau haben Sie im Labor
produziert?
Roelen: Ich würde es
nicht Fleisch nennen. Wenn Sie Fleisch in Kulturen züchten wollen, brauchen sie
Zellen, die sich fortlaufend vermehren, dabei aber in einem undifferenzierten
Zustand bleiben, so genannte Stammzellen. Wir stellten Stammzellen-Linien vom
Schwein her und schafften es, eine bestimmte Art Stammzelle über mehrere Monate
zu kultivieren. Eine Zelle teilt sich alle 24 Stunden, wenn Sie mit hundert
Zellen beginnen, haben Sie nach ein paar Monaten Millionen von Zellen.
Eigentlich genügt das, um tonnenweise Fleisch zu züchten.
S&P: Was für Fleisch soll das
sein, ein Schulterstück oder ein Filet?
Roelen: Das ist der
springende Punkt. Wir haben es geschafft, dass sich diese undifferenzierten
Zellen nicht nur vermehren, sondern sich auch in einen bestimmten Zelltypus
verwandeln, in unserem Fall in Muskelzellen. Theoretisch war alles da um
Fleisch im Glas oder in einem Bioreaktor zu züchten.
S&P: Und praktisch?
Roelen: Natürlich gab
es Probleme. Wir konnten zum Beispiel die Zellkulturen nur bis zu einer
bestimmten Grösse züchten. Wenn eine Kultur zu gross wurde, starben die unteren
Lagen ab, weil sie zu wenig Sauerstoff und Nährmedium erhielten, das ist aber
ein lösbares Problem. Schwieriger war die Umwandlung der indifferenzierten
Zellen zu Muskelzellen. Dieser Prozess verlief nicht sehr effizient.
S&P: Das heisst?
Roelen: In der
Embryologie ist es faszinierend, wie die Dinge funktionieren. Die Natur ist
extrem effizient, aus einer Stammzelle werden verschiedene Zelltypen,
Muskelzellen, Knochenzellen, Gehirnzellen und alles zusammen wird zu einem
Fötus. Die Frage ist, wie erklären Sie Stammzellen in einem Glas, dass sie zu
einer Muskelzelle werden sollen? Dafür braucht es verschiedene Wachstumsfaktoren
und Kulturmedien. In unseren Versuchen wurden zwar einige Zellen zu
Muskelzellen, andere aber blieben undifferenziert oder wurden zu etwas, das wir
nicht so genau definieren konnten.
S&P: Haben Sie ethnische Bedenken
bei Ihren Forschungen?
Roelen: Nein, wenn ich
an nuklearer Technik forschen würde, wäre das etwas anderes. Aber
Nahrungsmittel sind keine Waffen. Aufgrund meiner Forschungen kann der Welt
nichts Schlimmes passieren, im Gegenteil. Künstliches Fleisch könnte helfen,
den Druck auf die Umwelt zu lindern. Und das ist dringend nötig, wenn wir
unseren Planeten nicht komplett zerstören wollen.
S&P: Wer finanziert Ihre
Forschung?
Roelen: Meinen Lohn
erhalte ich von der Universität Utrecht. Das Forschungs-Projekt zur Produktion
von künstlichem Fleisch wurde von einer Organisation namens Senter Novem
finanziert. Senter Novem wiederum gehört zum Wirtschaftsministerium der
Niederlande. Es geht eigentlich darum, dass die Wirtschaft von unserer
Forschung profitiert.
S&P: Gibt es interessierte Unternehmen?
Roelen: Noch nicht.
Damit die Privatwirtschaft investiert, braucht es konkretere
Forschungsergebnisse. Die Unternehmen zögern noch, sie wollen erst einen Markt
sehen, bevor sie einsteigen. Momentan muss darum der Staat Geld sprechen.
S&P: Gibt es weitere
Möglichkeiten für den Einsatz von Zellkulturen im Foodbereich?
Roelen: Vor zehn Jahren
glaubten die Forscher, mit Stammzellen könne man beliebiges Gewebe
reproduzieren. Die Sache stellte sich als etwas komplizierter heraus. Aber in
der Theorie sind die Möglichkeiten unbegrenzt. Es ist möglich, Muskelzellen und
Knochenzellen zu reproduzieren, es wird darum auch möglich sein, Nahrungsmittel
regelrecht zu kreieren. Ein weiterer Schritt wäre zum Beispiel auch, gezüchtete
Muskelzellen genetisch so zu modifizieren, dass sie nur gute Proteine
produzieren.