Donnerstag, 6. August 2015

Sommerloch und Hahnenwasser

Alle Jahre wieder, pünktlich auf den Sommer, rauscht sie in irgendeiner Form durch den Schweizer Blätterwald: die Hahnenburger-Empörung. «Viele Wirte verlangen immer öfter Fantasiepreise für gewöhnliches Hahnenwasser», schreibt der Blick gestern und zitiert Leser Klaus F., der im Basler Hotel Krafft 9.60 Franken für einen Liter Hahnenwasser berappen musste und sich darob fürchterlich aufregte. Natürlich darf dann auch Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, etwas dazu sagen, nämlich: «Preise von über zwei bis drei Franken pro Liter sind nicht zu rechtfertigen.» Franz-Xaver Leonhardt, Co-Direktor des «Krafft», versucht es trotzdem. «Man bezahlt nicht nur das Produkt, sondern die Dienstleistung.»

Aber das Sommerloch ist unerbittlich beziehungsweise informationsarm, kein Wunder doppelt der Blick heute nach: «Hahnenwasser-Abriss, Brot-Nepp, Menü-Bschiss: So dreist treibens die Abzock-Beizer». Und da geht es dann richtig los: halbe Portionen, die nur ein paar Franken billiger seien, Brot, das separat verrechnet werde, und weil es so schön war, noch einmal die «horrenden Preise für Leitungswasser».

Ich finde es auch nicht berauschend, wenn für Leitungswasser neun Franken verlangt werden oder für Brot separat bezahlt werden muss. Aber eine Beiz ist nun mal kein öffentlicher Ort, und der Beizer ist in erster Linie ein Unternehmer und kein Wohltäter. Die Preisgestaltung ist Teil seiner Strategie. In der legendären «Sonne» an der Langstrasse kostete die Stange zehn Franken, im Berner Hotel Bellevue müssen für einen normalen Milchkaffee acht Franken berappt werden. Das Konzept nennt sich «Angebot und Nachfrage» und funktioniert seit Jahrhunderten.

Tobias Hüberli, Salz&Pfeffer

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen